Esther Keller: “Handwerker, die bereit sind, neue Wege einzuschlagen, werden immer eine Zukunft haben!”

November 2021 - Autor: smartconext AG – Fotos: Nico Schmied

Als erste Schweizer Regierungsrätin der Grünliberalen Partei ist Esther Keller Chefin des Bau- und Verkehrsdepartements in Basel. Welche Herausforderungen sieht sie auf die Schweizer Bauwirtschaft zukommen? Wir haben nachgefragt und unseren Fokus auf die Bereiche Verwaltung und Digitalisierung sowie Zukunftsmodelle, Klimaschutz und das Handwerk gelegt.

smartconext: Beim Thema Baugesuche und Baubewilligungsverfahren nimmt der Staat wie eine Doppelrolle mit einem ziemlichen Spagat ein: Polizist und Dienstleister gleichzeitig. Was hat sich in den letzten Jahren diesbezüglich verändert? Was muss sich künftig ändern?

Esther Keller: Die Ausgangslage ist ja in jedem Kanton etwas unterschiedlich. Basel-Stadt nimmt jedoch eine besondere Rolle ein, da kommunale und kantonale Aufgaben an einer Stelle zusammenlaufen. So übernimmt der Kanton auch Baubewilligungen und Baukontrollen. 

Von Verwaltungen wird heute erwartet, dass sie kundenorientiert sind, also schnell arbeiten, zuvorkommend sind, etc. Gleichzeitig sind wir an ein enges Regelwerk von Normen und Vorschriften gebunden und als Baukontrolle in der Polizistenrolle. Wir müssen schauen, dass alles korrekt ist, das Gleichheitsprinzip anwenden, egal, ob ein renommiertes Unternehmen oder eine Privatperson anfragt. Der Spielraum ist nicht sehr gross. Daraus ergibt sich ein Spannungsfeld. Vom Staat wird Kundenorientierung und Innovation erwartet und gleichzeitig stecken wir in einem Korsett. Dieses Korsett in einigen Bereichen etwas aufzubrechen ist eine Herausforderung, die wir angehen müssen.

Haben sich denn bezüglich der Verteilung der Rollen, also Polizist und Dienstleister, in der letzten Zeit Veränderungen in der Ausprägung gegeben?

Dass die Verwaltung als Dienstleister gesehen wird, ist ein modernerer Gedanke. Ich finde das aber auch richtig, weil wir ja für die Bevölkerung da sein sollen. Doch auch die Regeln und Normen, deren Einhaltung wir kontrollieren, wurden dereinst aufgestellt, um die Menschen zu schützen. 

Wahrscheinlich hat beides zugenommen: Der Dienstleistungsanspruch, so wie man es sich von der Privatwirtschaft gewohnt ist, wie auch die Menge der Regulierungen und Normen, die eingehalten werden müssen. 

Beim Stichwort Dienstleistung komme ich am Thema Digitalisierung nicht vorbei. Und der allgemeine Tenor ist ja schon noch so, dass man der Privatwirtschaft, im Vergleich zu staatlichen Stellen, hier durchaus mehr Geschwindigkeit und Innovation attestiert. Welchen Stellenwert hat denn die Digitalisierung von staatlicher Seite im Bauumfeld?

Wir haben dieses Thema in der aktuellen Legislatur deutlich priorisiert. Der Regierungsrat von Basel-Stadt hat das Thema Digitalisierung als einen von drei Schwerpunkten definiert.

"Bei der Digitalisierung müssen wir uns auf die Socken machen." Esther Keller

 

Uns ist bewusst, dass wir uns auf die Socken machen müssen. Bürgerinnen und Bürger erleben digitale Services heute an jeder Ecke. Natürlich stellt man sich dann die Frage, weshalb man seine gesamten Bankgeschäfte im Online-Banking tätigen kann, bei der Steuer das aber noch nicht durchgängig funktioniert? Den Digitalisierungsgrad von Unternehmen wünscht man sich auch vom Staat. Da haben wir ganz sicher noch Hausaufgaben zu machen.

Wie steht es mit der Digitalisierung auf staatlicher Seite ganz konkret beim Thema Bauen?

Insbesondere bei komplexen, grösseren Projekten, in denen der Kanton häufig involviert ist, liegen die Vorteile auf der Hand. Beispielsweise bei Spital- oder Forschungsgebäuden. Mit BIM gäbe es enorme Benefits im Bereich der Planungs- und Kostensicherheit. Wir liegen aber leider noch eine Stufe weiter zurück: Bei uns machen Baubewilligungsdossiers noch physisch die Runde bei den involvierten Fachstellen. Das dürfte heute eigentlich nicht mehr der Fall sein. Deshalb sind wir aktuell daran, diesen Prozess innerhalb der nächsten 18 Monate ins Digitale zu transformieren.

Kommen wir zu einem kleinen Themenwechsel. Wie sieht die Zukunft auf dem Schweizer Bau aus politischer Sicht aus? In letzter Zeit hört und liest man immer wieder von möglichen Allianzmodellen, also Projekten, die sowohl von Kanton, als auch der Privatwirtschaft gemeinsam gestemmt werden sollen. Letztendlich sprechen wir also von einer Art Paradigmenwechsel. Daher die Frage: Wer hätte davon Nutzen? Kommt das auch beim kleinen Handwerksbetrieb an oder sind es die grossen Baukonzerne? 

Wir müssen da noch etwas weiter vorne ansetzen. Fast jeder Kanton und jede Gemeinde schlägt sich mit Vorwürfen herum, dass Bauwerke am Ende später und zu höheren Kosten fertiggestellt werden, als geplant. Das betrifft zwar nur wenige Prozente der Projekte, aber genau diese geben zu reden. In der Regel betrifft es die komplexen Projekte, und genau da wäre es für die Kantone ein Gewinn, wenn von Anfang an mehr Kommunikation möglich wäre, um Fehler auszuschliessen, um die Motivation hochzuhalten, etc.

“Eine Allianz von Staat und Privatwirtschaft wäre ein Gewinn für beide Seiten.” Esther Keller

 

Eine Allianz wäre ein Gewinn für beide Seiten. Die Frage, die ich mit meinem Team am Evaluieren bin ist allerdings, wie kompatibel das mit unserem heutigen Rechts- und Vergabesystem ist. Das scheint mir heute noch nicht klar. 

Nachdem es um die komplexeren Projekte geht, würden die Vorteile also mehrheitlich bei den grösseren Bauunternehmen liegen? Welche Vorteile wären das?

Es ist für alle Beteiligten nervenaufreibend und teuer, wenn ein Projekt mit einer rechtlichen Streitigkeit endet – was leider nicht allzu selten ist. Weil die Termine oder Kosten nicht eingehalten wurden. Das könnte man vermutlich vermeiden. Aus meiner Sicht hat es Parallelen zum Sport: Man hat eine andere Motivation, zusammenzuarbeiten, wenn man gemeinsam gewinnt und gemeinsam verliert.

Reden wir zum Schluss noch um das allseits präsente Thema Klimawandel. Als erste grünliberale Regierungsrätin Schweiz drängt sich natürlich die Frage auf, wie sich Bau und Klimawandel vertragen. Was muss sich am Bau ändern, damit die klimapolitischen Ziele auch wirklich erreichbar sind?

Ein Punkt ist sicherlich die Verwendung nachhaltiger Materialien. Das wiederum kostet natürlich mehr Geld. Wir durften kürzlich die Eröffnung des neuen Amts für Umwelt und Energie in Basel feiern, dort wurde regionales Holz und recycelter Beton verwendet.

“Der Staat muss eine Pionierrolle bei Bauprojekten einnehmen.” Esther Keller

 

Finanziell ist das aufwändiger, aber da war die Politik bereit, eine Vorreiter-, eine Pionierrolle einnehmen. Damit so ein Projekt aber überhaupt entstehen kann, muss zuerst das Bewusstsein für Nachhaltigkeit in der Politik und in der Verwaltung geschaffen werden. Und bei den Kosten ist es wichtig, dass man nicht nur auf die Entstehungskosten, sondern auch auf die Unterhaltskosten, zum Beispiel im Bereich der Energieeinsparung, über den gesamten Gebäudezyklus hinweg schaut. In Städten ist zudem das Abwägen zwischen Abriss/Neubau und Sanierung ein wichtiges Thema. 

Noch eine letzte Frage: Was ist die Antwort der Politik an Handwerksbetriebe, die durch all die anstehenden Massnahmen, Regulierungen, etc. Angst um ihre eigene Existenz haben?

Ich bin überzeugt: Qualitativ hochstehende Arbeit wird sich am Ende immer ausbezahlen. Und: Wo sich etwas verändert, tun sich neue Chancen auf. Wer offen bleibt, den Markt beobachtet und bereit ist, neue Wege einzuschlagen, wird immer eine Zukunft haben.

Das Gespräch führte Dominik Mahn

  • Zur Person.

    • Esther Keller ist seit 2016 Mitglied der Grünliberalen Partei (glp) Basel-Stadt – kurz glp. Von 2019 bis 2021 war Esther Keller Mitglied des Grossen Rats. 2021 wurde sie als erste Grünliberale der Schweiz zur Regierungsrätin gewählt. Seither verantwortet Keller die Leitung des Bau- und Verkehrsdepartements in Basel, das vielfältige Aufgaben im Bereich Planung, Bau und Unterhalt der Infrastrukturen im Kanton übernimmt.

      Ihre wenige Freizeit verbringt Esther Keller am liebsten unter freiem Himmel. Beim Beachvolleyball, spazierend oder mit Freunden in einem Café sitzend. Im Winter trifft man sie des Öfteren in der Turnhalle an, als Spielerin beim 2. Liga Volleyballteam Sm’Aesch Pfeffingen.

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